Monday, February 04, 2008

Preisverleihung und Preisselbeeren

Es gibt Tage an denen geht der Wind in der Stadt. Die Stadt in der dann zumeist die Sonne scheint, wenn es im Süden regnet und dann geht der Wind und es bläst. Vom Wind verblasen, getrieben in der gewöhnten gewöhnlichen Gewohntheit kam er in die Stadt. Und da es sich beim Menschen bekanntlich um ein Gewohnheitstier handelt, so sagt man zumindest, war dieser Tag dann nichts Außergewöhnliches.
Er kannte den Geruch seiner Lieblingsstraße und vor allem des ägyptischen Geschäfts, oder besser den Geruch, den der ägyptische Geschäftsmann, der eigentlich aus dem Libanon stammt, stündlich durch seine Nelkenzigaretten mit leichtem Vanilleodeur pflegt zu verbreiten. Immer um dreizehn vor einer vollen Stunde geht der Geschäftsmann behäbig vor die Tür, stellt sich in Position auf und zündet sich seinen „Klimmstengl“ an, so nennt er ihn immer. Und da er genau vier Minuten und zwanzig Sekunden zum Abfertigen der Zigarette braucht, kann man die Uhr nach ihm oder seinen Rauchzeichen stellen.
Und es war wieder so weit, es musste kurz vor einer vollen Stunde gewesen sein, als ihn eine Windböe ins Gesicht fuhr und ihm mitsamt dem Straßenstaub auch einen Nelkengeschmack in die Nase zauberte. Er musste zwar niesen, aber nicht mehr auf die Uhr schauen, denn er wusste genau wann er war, zwar nicht auf die Stunde, aber es musste so um zehn vor gewesen sein und noch genauer wusste er dass er in seiner Straße war.

An diesem Tag war es dann irgendwie eigentümlich. Er bemerkte, dass alle Menschen um ihn herum unbekannt waren, sonst grüßte die Sakkoverkäuferin aus der Nobelboutique, oder der Wurstwarenverkäufer lächelte freundlich hinter seinem Tresen hervor. Doch nicht heute. Niemand. Und alle auf der Straße schienen getrieben zu sein vom warmen Fallwind, wenn er schneller ging, gingen alle schneller. Also brauchte er nicht einmal daran zu denken, jemanden zu überholen, weil sich niemand überholen hätte lassen, geschweige denn der Wind selbst. Und noch eines war eigenartig, ihm kamen die Menschen nicht nur passiv fremd vor, sondern auch aktiv, sie schienen alle eine fremde für ihn trotz seiner langjährigen Weltenbummlerei unverständliche Sprache zu sprechen, so als ob sie ihre Münder nicht mehr öffnen würden.

Gerade als er ums Eck bog und die Baustelle der riesigsten Glasfassade die sich die Städter nie träumen hätten lassen sich vor ihm aufbaute beschleunigte er auf die vom Wind aufgepresste Glastür seiner vertrauten, gewohnten Bäckerei zu. Diese stand offen und er konnte sich nur mit größter Anstrengung festhalten und mehr oder weniger die Hilfe annehmen. Da er uhrlos war und nur wusste, dass es kurz vor sein musste, stellte er sich an die Theke und versuchte sein Geld zu zählen. Die Bäckereiverkäufer schaute ihn mit großen blauen Augen an und fragte ohne dass er irgendetwas sagen konnte ob er ein süßes Frühstück haben möchte. Ihm fiel dank seiner scharfen Beobachtungsgabe sofort auf, dass es sieben vor Vier am Nachmittag war wie er an der digitalen Ofenanzeige ablesen konnte, aber willigte sofort ein.

Er schaute in den Gastraum der Bäckerei und fand nur einen kleinen Stehtisch direkt in der Auslage, den er dankend annahm und nahm Platz. Durch die Scheibe sah er sie wieder alle, die Unbekannten, die milchgesichtigen gerade noch pubertierenden Heavymetallfans wie sie sich über Kant und Schopenhauer unterhielten, genauso sah er die vom Winde verwehten schlecht geschminkten Bankkauffrauen, die ihren frühen Arbeitsschluss zelebrierten indem sie wiederum ein neues Kostüm ausführten und dann noch kam ihm ein verliebter Radfahrer unter, der sein Fahrrad nicht an den Ständer kettete weil er seine Angebetete schon von weitem erblickte und dadurch zu sehr durch den Wind war. Dies wiederum hatte zur Folge, dass das Fahrrad in einem wilden Windstoß sich zu den anderen schon gefällten Fahrrädern gesellte. Doch irgendwie war er nur froh dass er nun in seiner Bäckerei war.

Was ihm allerdings entgangen ist, dass die vermeintlich gewohnte Bäckerin die ganze Zeit auf den Moment gewartet hat ihr letztes Keksherz anzubringen. Und dann war er dann da, der dem man im Wind helfen kann. Sie legte das letzte Keksherz auf einen Teller und servierte das süße Frühstück in der Hoffnung er würde das Zeichen verstehen.

Im selben Moment meinte er die Abwärme des Ofens zu spüren, aber dass es die Herzensschenkerin war, die knapp hinter ihm stand um zu beobachten, ob er die Geste der Verbundenheit verstehen würde. Er tunkte das Herz in seinen Cappuccino, nahm einen Bissen davon und bemerkte, dass er sonst kein süßes Frühstück nimmt und wenn schon ist kein Herz dabei, zumindest nicht ein Herz das so von Herzen kommt wie dieses.

Sie war froh ihm endlich ihre Zuneigung gezeigt zu haben und dass sie sehen konnte wie er sich freute.
Draußen war nun der Wind weiter aufgefrischt, er trieb Müllsäcke, Perücken, Hüte, Sans und die altbekannten westernerprobten Strauchballen durch die Stadt, sodass der Cowboy der vom letzten Faschingsball übrig war auch nicht mehr wirklich auffiel.
Nur als er aus der Bäckerei trat und einen Mann im Sakko an der Straßenecke Mundharmonika spielen hörte, dachte er kurz daran, dass es schon ein wenig komisch war.

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